
„Ibiza-Himmel, Gomera-Berge, Strand von Goa …“, diese Textzeile aus einem meiner Lieblings Scherben Alben geht mir immer wieder durch den Kopf. Ich habe mein Goa Bild schon vor Augen und bin gespannt, wie diesmal die Wirklichkeit aussieht.
Nach einem Zwischenstopp in Mumbai und einem Bustranfer durch die Stadt zum zweiten Terminal erreichen wir abends den neuen Flughafen Goa North. Allein die Eindrücke der halbstündigen Fahrt durch Mumbai könnten ein ganzes Kapitel füllen. Aber jetzt ist „feel Goa“ angesagt. Also los.
Wir erreichen unser Hotel am Ende einer schäbigen Seitenstraße. Indien hat uns wieder. Wollen wir hier im Dunkel herlaufen? Das Hotel ist aber trotzdem eine gute Wahl mit allen für uns und das Budget passenden Annehmlichkeiten. Pool, Blick vom Balkon in die Felder, ein erlesenes Frühstück, welches keine Wünsche offen lässt und dazu ein top Service. Also das passt schon mal.

Die nächsten Tage verbringen wir damit in der schwülen Hitze anzukommen. Jede kleine Aktion ist schweißtreibend. Wir haben unser Hotel am Candolim beach und die Umgebung ist wie an allen Strandorten in der Welt, nur eben auf einem besonderen Niveau. Wir erfahren vom Inhaber einer Blueskneipe, dass vor Jahren noch der Blick von seinen Tischen auf den Sonnenuntergang möglich war. Jetzt ist alles zwischen Strand und Straße mit Buden, Verschlägen, Baustellen und Strandbars, die tagsüber verlassen scheinen, gefüllt. Dazwischen die ein oder andere langsam verfallene portugiesische Villa unter Palmen. Hat man auf holprigen und dreckigen Wegen diesen Bereich durchquert, eröffnet sich der Blick auf einen wunderbaren, sauberen kilometerlangen Sandstrand. Ja, hier kann man man tatsächlich Stunden in einer Strandbar oder auf einer Liege verbringen. Hier ist Goa.

Nach drei Tagen und mit Hilfe des netten Hotelmanagers ist es uns endlich gelungen, ein Enfield zu mieten. Das Angebot an Rollern ist in unserer Nähe zwar riesig, aber wir mussten beim Abklappern aller Bike Rentals feststellen, dass kein Motorrad zu bekommen war. Nach langen Telefonieren hatten wir dann tatsächlich nach zwei Tagen morgens eine 350er Royal Enfield Hunter vor der Tür. Preis umgerechnet 8 Euro pro Tag. Das arme Teil sah ziemlich mitgenommen aus für 11000 km, aber besser so ein Möhre als gar nix. Sobald der Motor warm war, klappert der Kolben erbärmlich im Schiebebetrieb und die Lager sangen ein klagevolles Lied. Aber das königliche Gefährt trug uns über Bodenwellen und an tiefen Schlaglöcher vorbei die Küste hinauf bis nach Anjuna. Helm mit Belüftung inklusive. Ach ja, nur der Fahrer braucht einen, damit es ohne Ticket der wachsamen Polizei sicher durch den Verkehr geht.

Anjuna
Hier sollen also Hippie Träume wahr werden. Und die Locations am Strand lassen tagsüber berauschende Partienächte erahnen. Unsere Pause am Nordende des Strandes im „slow tide“ ist ebenso traumhaft. Als erstes gibt es gekühlte feuchte kleine Handtücher zur Erfrischung. Danach zum Himalaya spring water zwei erfrische Mocktails. Und dazu der Blick auf den Strand. Ist schon geil. Dann mit dem Motorrad zurück durch Anjuna. Kein Ort, der uns zum Verweilen lockt. Eine staubige Piste, alles etwas abgerockt. Nee.

Fast wie Weihnachten

Diwali oder Dipawali bedeutet 5 Tage feiern, Ferien und ist eine Mischung aus Weihnachten und Silvester. Das Hotel ist schlagartig über Nacht voll. Indische Familien füllen den Frühstückssaal. Ich habe noch nie Menschen soviel essen gesehen. Da wird der Teller am Buffet randvoll mit Speisen getürmt, während man sich noch den einen oder anderen Happen schon an Ort und Stelle genehmigt. Die Kleinen stehen auf Schokotörtchen und andere süße Sachen. Ich muss aber auch zugeben, dass das indische Buffet-Frühstück sehr reichhaltig und köstlich ist.
Am Tag vor den Festtagen wird im Haus und ums Haus und sogar auf den Straßen alles gesäubert. Die Häuser werden mit Lichtern und Lichterketten geschmückt. Kein Restaurant, keine Strandbar die jetzt am Abend nicht mit bunten Lämpchen lockt. Es wird fast heimelig wie bei uns am Weihnachtsabend. Vorher geht aber noch die Post ab. Schließlich gibt es ja auch was zu feiern. Im Norden Indiens gedenkt man Ramas Rückkehr aus dem Dschungelexil, zu dessen Willkommen die Menschen einst den Gott mit Öllämpchen entlang seines Weges begrüßten. Im Süden gedenkt man etwas martialischer neben den Lichtern auch mit viel Rauch, Böllern und Raketen Krishnas Sieg über den Dämonen Naraka. Kurzerhand hat Krishna noch jede Menge junger Frauen befeit, die Legende spricht von 16000, wahrlich ein Grund zum feiern. Für uns bedeutet das zwei Nächte mit Böllern und Raketen. Die erste Nacht bis 6 Uhr am Morgen, danach ein wenig Ruhe und dann weiter mit lautem Spektakel am Tempel nebenan. Auf jeden Fall sieht es jetzt schon nicht mehr ganz so schlimm in den Straßen aus und die nun wirklich startende Touristensaison öffnet noch mehr Strandkneipen. Trotzdem ist es noch erträglich im Vergleich zum Strandgeschehen rund ums Mittelmeer.
Nach soviel Hindu Mystik sollten wir auch einen Blick auf die katholische Tradition in Goa werfen. Schließlich sind hier immer noch 30 Prozent der Bevölkerung Christen. Ausgerechnet an einem Sonntag während der Ferien entschließen wir uns zu einer Tour nach Old Goa. Mitte des 15. Jahrhunderts gegründet, zu Hochzeiten 300000 Bewohner und MItte des 17. Jahrhunderts wegen einer Malariaepedemie aufgegeben, ist Velha Goa nun ein Weltkulturerbe mit Kathedralen und Kirchen aus portugischer Zeit. Zwischenzeitlich vom Urwald überwuchert teilweise restauriert schieben sich heute Scharen von Menschen am Leichnam des Franz Xaver, einst Missionar Indiens, vorbei. Frasnz Xaver liegt in luftiger Höhe für Alle durch Glasscheiben sichtbar in einem silbernem Sarg. Frauen in Saris sorgen dafür, dass es nicht zum Stau kommt und fordern uns unmissverständlich zum Weitergehen auf. Also weiter zur nächsten Kathedrale und zum nächsten Drama. Ich darf wegen meiner kurzen Hose und Lisa wegen ihrer freien Schulter nicht rein sagen uns zwei Frauen am Eingang. Da werde ich doch ungehalten. Ich verstehe, dass ich mich in einem Hindutempel an die Kleidervorschriften halte. Hier darf ich als Christ nicht in „meine“ Kirche? Ein indisches Paar spricht uns an. Sie kommen gerade aus der Kirche, er mit kurzen Hosen, sie hatte sich von dem Frauen am Eingang ein Tuch geben lassen, welches sie aber auch nur um die Hüfte gebunden hatte. Nach einigen Diskussionen bekommt Lisa das Tuch und ich muss den Aufschlag meiner kurzen Jeans herunterkrempeln, immer noch „kniefrei“. Zu aller Schamlosigkeit bietet mitten in der Kiche noch ein älterer Herr gegen 500 Rupi seine Dienste als Guide an. Ich war nicht freundlich.

Resumee. Nordgoa hat ein paar schöne Orte zum Verweilen. Insgesamt ist die Atmosphäre durchaus entspannter als im Norden. Die Strände sind sauber. Leider wird hier gebaut auf Biegen und Brechen, was das Ganze nicht unbedingt schöner macht. Die Verkäufer vor den Geschäften sind freundlich aber nicht so nervig wie andernorts, bettelnde Kinder gibt es fast gar nicht. Nach wie vor weiß man aber wenn man die Straße betritt, dass man in Indien ist.
Hier noch ein paar letzte Straßenszenen vom Candolim beach:
Eine Werkstatt für Zweiräder am Straßenrand, Ersatzteillager im Minitransporter.


Nach dem starken Regen in der Nacht

Und so weiter…

Es reicht mit dem Trubel und wir fahren circa 70 Kilometer Richtung Süden an einen der letzten Strände Goas nach Talpona Beach, ungefähr 5 Kilometer südlich des touristisch erschlossenen Palolem. Wir finden einen traumhaften Strand vor. Allerdings ist unsere Unterkunft hier für die ersten zwei Nächte very basic. Nur ein Bett, ein Regal, ein Bad, auch das very basic. Aber einigermaßen sauber. Das Restaurant ist sehr angenehm, wunderbarer Platz für den Sonnenuntergang. Nach zwei Tagen beziehen wir ein deutlich schöneres und auch komfortableres Zimmer mit Terrasse und Blick aufs Meer und vor Allem mit einer stetigen kühlen Brise. Der Strand ist circa zwei Kilometer lang, zu macher Stunde menschenleer. Wir spazieren den Strand auf und ab, gehen schwimmen und genießen die Ruhe und die Einsamkeit. Ich frage mich, wann hier die ersten Resorts die kleinen einfachen Strandunterkünfte verdrängen. Vielleicht ja erst in ein paar Jahren.
Also jetzt was für die Romantiker:


Tatsächlich haben wir hier am Talpona beach ein Fleckchen Ruhe gefunden. Morgens, nach einer Tasse Nescafe, gehen wir den Strand entlang, baden je nach Lust und Laune und gehen dann nach dem Duschen ins Restaurant zum Frühstück. Mal Spiegelei, mal indisch, mal Pancake und so weiter. Die Leute im „Peace Garden“ sind nett und hilfsbereit. Dann gibt es zwei, drei andere Restaurants und das schafft die willkommene Abwechselung.

Wir buchen uns für einen Nachmittag einen Roller. Es ist heiss. Da nur der Fahrer einen Helm tragen muss, zwänge ich mir die knappe Schale auf den Kopf. Sie ist am Ende der Fahrt nass. Kostenpunkt 500 Rupie pro Tag.
Natürlich ist auch dieses Fahrzeug in einem traurigen Zustand. Die Bremse für das Vorderrad lässt sich bis zum Griff ziehen und irgendwann während der Fahrt ertappe ich mich dabei, wie ich sie beim Anfahren als Kupplung nutzen will, was natürlich unsinn ist, aber die Wirkung ist dieselbe. Beim Rückwärtsschieben fühlt es sich halt an wie eine nicht ganz sauber trennende Kupplung. Wir tanken einen Liter Sprit an der Straße und los gehts.
Wir nehmen die alte Straße nach Palolem Beach und fahren ziemlich allein durch eine grüne Landschaft entlang des Talpon River. Palmen und Bäume machen die Landschaft zu einem Erlebnis der Ruhe. Zwischendrin Häuser in unterschiedlichstem Zustand von Villa bis zerfallen, eine schneeweiße Kirche am Hügel inmitten von Palmen. Wir passieren den den Fluss über eine alte Stahlbrücke, gerade mal so breit wie ein Auto. In Palolem angekommen führt unser Weg uns direkt zum Strand. Hier ist es wuselig und voll, kein Platz, der uns zum verweilen einläd. Wir machen die Wende und fahren zurück in Richtung Patnem Beach.

Eigentlich trennt den Talpona beach und Patnem beach nur die zwanzig Meter breite Flußmündung, aber wie gesagt die alte Straße entlang des Flusses ist den Umweg wert. Patnem Beach erwartet uns mit einer schmalen Straße zum Strand, die die letzten 100 Meter mit Motorrollern zugeparkt ist. Wir fahren bis nach vorn und wie bestellt ist da die Lücke für unseren Roller. Natürlich werden wir von einem freundlichen Verkäufer eines der hier sich aneinander reihenden Shops eingewiesen und zum Besuch seines Shops eingeladen. Wir verschieben das auf später und das ist ok.
Der Strand ist so ein Zwischending. Noch leer und entspannt genug, aber doch schon stark touristisch geprägt mit Strandbars, Hütten mit Blick auf den Strand, Shops. Alles in Allem eine gute Alternative, wenn man Lust auf ein paar Leute hat und das ganze in einer noch „familiären“ Atmoshäre.
Ein paar Tage später buchen wir eine Bootstour auf dem Fluss. In einem zum Transport von Touristen umgebauten Fischerboot fährt uns ein Fischer ganz gemächlich den Fluss hinauf. Wir geniessen Momente der Ruhe und sehen den ein oder anderen Vogel, einen badenden Wasserbüffel, Häuser am Fluss, verlassene Gärten, einen Fischotter. Highlight ist die Fütterung der „Adler“. Mit Fischabfällen werden Brahmanenmilane und andere Greifvogelarten angelockt. Mindestens zwanzig von ihnen kreisen wie die Geier über uns und stürzen sich auf die Brocken im Wasser.

Alles hat irgendwann ein Ende. Auch hier am Talpona Beach wird es voller. Yoga Reisegruppen belegen Restaurant und Zimmer. Immer mehr Menschen am Strand, natürlich immer noch erträglich. Zeit um weiter zu reisen.
Weiter geht es mit dem Zug nach Kochi in Kerala. Eine ganz neue Erfahrung im erster Klasse Abteil. Zwölf Stunden dauert die Fahrt. Wir sitzen uns den Hintern fast wund auf dem Kunstleder, was nicht üppig gepolstert ist. Es gibt Frühstück, Mittag, einen Snack und was zum Abend. Alles ganz in Ordnung, man sollte halt nicht zu pingelig sein.

Immerhin haben wir an diesem Tag rund 600 Kilometer hinter uns gebracht. Der Zug fuhr an der Küste lang und durch Reisfelder, Palmen, kleine und größere Orte. Es gab einiges zu sehe, leider keine Fotos durch das total verstaubten Fenster möglich. So sieht es im erste Klasse AC Abteil aus, also die super Luxus Nummer.
