Nach fast zwei Monaten sind wir in Indiens spiritueller Hauptstadt angekommen. Varanasis Flughafen ist überschaubar und wir finden unseren Fahrer sofort, der ein Schild mit Elisabeths Namen hochhält. Die Fahrt zur Unterkunft ist wie ein Dejavue. Dichter Verkehr, Smog, ununterbrochenes Hupen und Gedrängel.

So sagt es am anderen Morgen auch der Wetterbericht. Wir haben beide nach einem Tag an der „frischen Luft“ Hustenreiz.
Varanasi ist eine der ältesten Städte der Welt. Ungefähr im 11. Jahrhundert vor Christus gegründet, mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Wir finden ein Stadtbild vor wie in vielen indischen Großstädten. Der Weg zur Unterkunft lässt uns erschauern. Wir biegen in eine kleine schmale Gasse ohne Belag aber mit umso heftigeren Schlaglöchern ein. In den Nachbarhäusern wird in großen Plastiksäcken Müll gesammelt und diese Bigpacks stapeln sich bis zur Straße. Willkommener Kontrapunkt ist eine kleine Primarschule und die Kinder wecken uns morgens mit dem täglichen Morgenappel, bestehend aus Apellen wie aus einem amerikanischen Militärmovie. Ein Schüler steht auf der Bühne schreit vor und die in Reih und Glied Versammelten stimmen ein. Ich verstehe nur „peace“, „we hate our enemies“. Trotzdem lieber Kinderstimmen als Verkehrslärm. Tatsächlich ist es der „Action song“ für die primary schools. Rezitiert wird der Text von „we shall overcome“. Die Zeile mit den Feinden ist nicht offiziell. Aber auch abends am Ghat bei einer Veranstaltung fällt immer wieder das Wort „Pakistan“. In Indien ist das Militär stets präsent und wirbt an jeder Straße mit großen Plakaten.
Am ersten Morgen setzen wir uns in ein TukTuk, hier heißt es „Auto“ oder „Autorikscha“, und wir lassen uns durch den Trubel zum Assi Ghat fahren. Das Assi Ghat ist das am südlichsten gelegene Ghat am Ganges. Wir tauchen ein in eine andere Welt. Es ist leise, die Menschen sitzen auf den Stufen, reden, meditieren, führen rituelle Waschungen im Fluss durch oder waschen ihre Wäsche, kaufen eine Süßigkeit. Es ist eine Umgebung, die uns sofort zur Ruhe kommen lässt. Also doch die spirituelle Hauptstadt? Ja es fühlt sich für uns auf jeden Fall sehr gut an. Wir kommen nach dem Stress und der Angst um Lisas Gesundheit zur Ruhe und zwar so schnell, als hätten wir einen Schlüssel umgelegt. So verbringen wir die nächsten Stunden mit ein paar Schritten entlang der unterschiedlichsten Ghats abgewechselt von mehr oder weniger langen Pausen auf den Stufen. Wir lassen die unterschiedlichsten Bilder auf uns wirken und damit auch unseren Gedanken freien Lauf.

Vor unseren Augen steigt eine leichte Rauchfahne auf und wir erreichen das Harishchandra Ghat, einem der zwei Kremationsplätze am Fluss. Dieses Ghat ist weniger stark von Besuchern heimgesucht und dient eher der Einäscherung weniger wohlhabender Inder. Es sind vier Scheiterhaufen aufgebaut, wovon einer fast abgebrannt ist und der in weiß gekleidete und kahlrasierte erste Sohn die letzten rituellen Handlungen vollführt.
Wir nehmen auf einer der Sitzbänke Platz und werden in der nächsten Stunde Zeugen des ganzen Ablaufes der Kremation. Es hat keinesfalls den Eindruck, dass wir hier stören, wir sitzen wie andere Inder auf den Bänken und ruhen uns aus und schauen zu. Rings um uns herum geht das Treiben seinen Gang. Ziegen laufen zwischen den Scheiterhaufen herum und fressen die Blüten der Opfergaben, Müll und Abfälle werden sortiert, die nächste Leiche liegt im Gangeswasser und wird von den Angehörigen mit dem heiligen Wasser des Ganges gesegnet. Alle Gedanken, die ich mir vorher über die Verbrennungen gemacht hatte, sind verflogen. Ruhig betrachten wir den Tod, schauen der alten Dame auf dem Scheiterhaufen noch einmal ins Gesicht und wünschen in Gedanken ihr eine gute Reise. Wir gehen weiter und da liegt ein alter Mann aufgebahrt zwischen den Angehörigen mit Blick zum Fluss und wir nicken auch ihm ein letztes Lebewohl zu. Alls ist so selbstverständlich und normal wie die Asche, die ab und zu auf unsere Kleidung sinkt.
Wir gehen weiter und suchen uns ein Rooftop Café, wo wir ein wenig verweilen.

Oberhalb der Ghats liegt die Stadt mit ihren engen Gassen. Wo kein Auto mehr durch die Gassen passt, passen noch eine Autorikscha und jede Mege Mopeds, wo es für die Autorikschas zu eng wird immer noch Mopeds. Wir quetschen uns an die Häuserwände, weil zwei oder mehr sich entgegenkiommende Mopeds und Fahrräder sich um die engen Abzweigungen winden. Mannchmal mehrmals vor und zurück, alles auf Tuchfühlung. Kleine Shops, kleine Restaurants, Schmuck, Saris, Seide, Lebensmittel und zwischendrin Unterkünfte für die vielen Reisenden in dieser verrückten Stadt.


Namo Ghat
Eine beeindruckende Kulisse direkt neben der von den Engländern erbauten Eisenbahn- und Straßenbrücke, die zweigeschossig als Stahlkonstruktion sich über den Ganges spannt. Vier zum Namaste gefaltete übergroße Hände ragen in den Himmel. Ansonsten eher ein Freizeitpark im Miniformat mit Hüpfburg und Pizzahut Imbiss. Ein paar Schritte weiter zeigt der Fluss sich von seiner hässlichen Seite. Ein toter Hund, eine tote Kuh schwimmen am Rand, ein Stück weiter wird das Holz für die Scheiterhaufen verladen.

Sunrise boat tour
Wir steigen um 6 Uhr morgens in die Autorikscha und fahren Richtung Stadtzentrum. Zuerst sind die Straßen noch ungewohnt leer und es geht schnell voran. Doch kurz vorm Zentrum Varanasis, eine Kreuzung mit einer Säule mit dem Nandi, dem treuen Reittier Shivas beginnt es voll zu werden. In Scharen strömen die Menschen zum Wasser. Touristen zu den Bootstouren und Pilger zu den Zeremonien am Wasser. Wir erreichen das Dr. Rajendra Prasad Ghat, benannt nach dem ersten Präsidenten Indiens. Zahllose Kähne liegen hier am Ufer und wir müssen vom Ufer über mehrere schwankende Kähne zu unserem Boot.

Es ist kühl. Im Dunst geht die Sonne auf. Alles erscheint in einem milchigen Licht. Wir fahren die Ghats flussaufwärts bis zum Assi Ghat und danach abwärts zum Marnikarnika Ghat. Das Marnikarnika ist das Hauptghat für die rituellen Verbrennungen und auch der Ort, den man von Fotos kennt. Zum Teil ist die Sicht vom Fluss durch hohe Blechzäune abgeschirmt. Der Geruch der Verbrennungen liegt in der Luft und wird meine Nase so schnell nicht verlassen. Beeindruckend ist die Menge an Holz, welches rund herum aufgeschichtet ist und mit Booten angeliefert wird. Verglichen mit der Ruhe, die wir zwei Tage zuvor am Harischandra Ghat genossen haben, ist dies ehrer ein Ort, seine Neugier zu befriedigen. Für uns aus dieser Perspektive kein besonders reizvoller Ort.
Wir konzentrieren uns auf die kleinen Nebensächlichkeiten. Badende am Ufer, eine Gruppe von circa 100 Personen beim morgentlichen Gebet auf den Stufen eines Ghats, Vogelscharen um Boote, von denen Opfergaben ins Wasser geworfen werden.


Sarnath
Der Ort liegt knapp 10 km nordlich von Varanasi und gehört zu den vier wichtigsten Pilgerstätten des Buddhismus. Hier hat Buddha nach seiner Erleuchtung in Bodhgaya, rund zweihundertfünfzig Kilometer westlich gelegen , seine Lehre verkündet. Bis zu seiner Zerstörung im 12. Jahrhundert war Sarnath eine wichtige Stätte des Buddhismus. Im frühen 19. Jahrhundert wiederentdeckt, ist es heute ein bedeutender archeologischer Ort und Pilgerstätte, wo sich die Grundmauern mehrerer Klöster und zweier Stupas befinden. Eine Stupa wurde wieder aufgebaut und soll Reliquien Buddhas enthalten. Rund um das Gelände gibt es mehrere buddhistische Tempel. Angrenzend befindet sicht der Gazellenpark, in dem Buddha einst gepredigt hatte. Heute ein trauriges kleines Fleckchen mit einem hohen Maschendrahtzaun, staubigem und steinigem Boden. Ein paar Hirsche fristen hier ein trauriges Dasein.

Die Etappe geht zu Ende – was bleibt?
Wir nehmen einen ganzen Sack voller Erinnerungen mit auf unsere nächste Etappe. An Vieles werden wir uns erinnern, wenn wir unsere Unmenge an Fotos ansehen werden. An viele Dinge werden wir erinnert werden, weil es anders ist. Besser, schöner? Wer weiss?
Was auf jeden Fall bleiben wird, sind die Erinnerungen an die besonderen Momente mit den besonderen Menschen, die wir unterwegs getroffen haben. Menschen, die uns manchmal nur für ein paar Minuten oder auch nur Augenblicke begegnet sind und trotzdem lange oder sogar für immer in unserem Herzen bleiben werden. Wir wollen uns bei diesen Menschen bedanken. Denn nicht die Paläste, die Natur, das Chaos der Städte oder das Essen, die Gerüche, die Farben sind es allein, an die wir immer denken werden. Das Lachen, die Scherze, die liebevolle Hilfe dieser Menschen, das sind die Dinge, die bleiben. Alles Andere können wir im Reiseführer nachlesen oder uns vom Sofa aus in einer Doku anschauen. Deshalb nochmal Alles Liebe und Danke an Euch Alle, die wir in diesen zwei Monaten kennenlernen durften.
Start in Dehli
Das erste Selfi – es wird nicht das letzte sein, unser Empfang im Hotel, der freundliche Saftverkäufer am Stand gegenüber, der Guide in Agra, der den Namen des Maharadjas so gut auswendig aufsagen konnte und unser Retter der ersten Tage – Jagdish, der uns durch das Chaos von Dehli fuhr und danach durch Rajastan

Durch Rajastan
Oben links einer der vielen TukTuk Fahrer. Dieser Schlaumeier hat beinhart versucht uns weitere Kilometer zu verkaufen, hing uns erst ein wenig auf der Pelle, konnte aber durch die engen Gassen heizen, das es eine Freude war. Der freundliche Mann mit der Sonnenbrille hat uns durch den Palast der Jungfrauen in Udaipur geführt, vielen Dank für die tolle Führung.Die zwei Jungs sind Kamlish und Vee. Sie haben uns in den Hotels in Pushkar und Udaipur umsorgt. Der alte Herr in der Mitte ist der Tempel“chef“ im Jagdish Tempel in Udaipur. Er hat sich sehr viel Zeit genommen, um uns die Reliefs und die Schreine am Tempel zu deuten. Alles ohne Trinkgeld – na ja, die Malereiwerkstadt an der Tempelmauer…

Rajastan live, der nette Herr mit dem roten Barett hat uns einiges über die Geschichte des Nahargar Fort in Udaipur erzählt und dabei noch die Affen vertrieben. Mal wieder eines der vielen Selfies mit uns daneben. Und die schmucken Jungs im Paradedress gehöhren ja wohl zu Rajastan wie das scharfe Essen. Foto gegen Trinkgeld, versteht sich.

Goa
Lisa steht da mit unserer liebenswerten Verkäuferin im Hotel in Candolim. Wir waren fast ihre einzigen Kunden. So mussten wir schon aus Mitleid das Eine oder Andere bei ihr kaufen und leider auch dann, weil nach dem Waschen eingelaufen, hinter uns lassen. Daneben die zwei netten Mädels, die morges und nachmittags den Strand in Talpona säuberten. So konnten wir ihn doppelt genießen. Unten links Anita und ihr Kollege vom Strand in Candolim. Anita hat uns mit ihrem freundlichen Wesen in „Domˋs beach shack“ gelockt. Eine wirklich tolle Location am Strand. Leider hat es uns ein paar Tage Durchfall beschert. Und dann hat sich noch einmal Jagdish reingeschmuggelt. Natürlich kein Foto aus Goa, aber auch in Goa mussten wir an unsere köstlichen Pausen mit Masala Cay am Strassenrand denken. Danke noch einmal Jagdish!

Kerala
Dieser nette TukTuk Fahrer hat mit uns alle Sehenswürdigkeiten in Kochi abgefahren und uns nachher noch zum Cay eingeladen. Dabei habe ich mein erstes Cutlet probiert, ein leckerer Snack für zwischendurch. Das ist so eine Art Gemüsebratling. Die nette Dame unten arbeitet in Kochi in der öffentlichen Wäscherei, die es lohnt, sie zu besichtigen. Alles wie vor hundert Jahren. Der junge Mann im Boot ist Vishnu. Er hat uns durch die Backwaters gefahren.

Echte Freunde – wenn es dir so richtig schlecht geht, sind da plötzlich diese tollen Menschen. Schwester Dr Lilian, Schwester Pushpa, ihre Kolleginnen im Krankenhaus, die Lisa so liebevoll gesund gepflegt haben. Govind und sein Vater, die mehr für uns getan haben als es ein Gästehauswirt tut. Dr Amrutha und ihr Mann, die sich genauso um uns gesorgt haben. Was wir mit diesen tollen Menschen an Liebe und Nähe erlebt haben, werden wir nicht vergessen.

Letzte Station Varanasi – diese drei sind uns im Gedächtnis geblieben. Der junge Vater, der mit seinem kleinen Sohn an den Ghats spazieren geht und plötzlich unbedingt ein Selfie seines Sohnes mit uns haben will. Er drückt Lisa den Kleinen in den Arm und zückt sein Handy. Die Blumenverkäuferin war gar nicht so biestig, wie es den Anschein hat. Auch wenn wir ihr keine Blumen abgekauft haben, haben wir miteinander gescherzt und gelacht. Und zum Ende noch Prem. Er hat uns das Zimmer vermietet, war immer für einen guten Tipp zu haben und hat so einiges für uns organisert. Natürlich haben wir ihn dann auch noch zufällig an den Ghats getroffen.

So, das war es dann mit Indien. Indonesien wartet…